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Aktuelle wissenschaftliche Aktivitäten

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Mit der Honorarprofessur des Geschäftsführers, Professor Dr. Dr. Hans-Jürgen Seelos, an der Universität Konstanz, sowie mit der festgelegten Personalunion zwischen den Funktionen des Medizinischen Direktors der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des ZfP Reichenau und der Kontaktstelle des ZfP zur Universität Konstanz ergeben sich immer intensivere Kooperationen im Bereich der Forschung mit dem Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz sowie der Abteilung for Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Ulm. Erleichtert werden diese Kooperationen durch die mit der gemeinsam mit Professor Dr. Brigitte Rockstroh (Fachbereich Psychologie der Universität Konstanz) durchgeführten multiprofessionellen Weiterbildung für das gesamte ZfP, die seit 2001 auch durch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zertifiziert ist. Dies bedeutet, dass niedergelassene Ärzte und Psychologen durch den Besuch unserer Veranstaltungen ihre Fortildungspflicht erfüllen können, was für spätere Stellen oder für die Niederlassung immer relevanter wird. Ferner ist diese Zusammenarbeit durch mehrere gemeinsame Tagungen einschließlich der Karl-Wilmanns-Vorlesungen auch der breiten Fachöffentlichkeit bekannt.

Zwei leitende Mitarbeiter der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie sind an prominenter Stelle international tätig: Dipl.-Psych. Tilman Kluttig ist Mitglied des Executive Board der International Association for Forensic Psychotherapy (IAFP), Professor Dr. Klaus Hoffmann ist Mitglied des Executive Committee der International Federation of Psychoanalytic Societies (IFPS).

 

Seit 2007 koordiniert Herr Hoffmann gemeinsam mit PD Dr. Thomas Ross eine landesweite Struktur- und Prozessforschung im Maßregelvollzug:

 
I: Struktur- und Gesundheitssystemforschung
Ausgangsproblem:
Zwischen den Landgerichtsbezirken in Baden-Württemberg gibt es zum Teil erhebliche Unterschiede in den Einweisungsraten in die forensische Psychiatrie. Aus anderen Bundesländern ist bekannt, dass eine erhöhte Dekulpierungs- und Unterbringungsbereitschaft bei Persönlichkeitsgestörten wesentlich für höhere Verweildauern und Belegungen verantwortlich sind. Die schon lange andauernde Diskussion darüber, ob die Zahl allgemeinpsychiatrischer Betten mit den Einweisungsraten in Gefängnisse und forensische Abteilungen zusammenhängt oder nicht, dauert noch immer an. Neuere einschlägige Publikationen weisen darauf hin, dass ein solcher Zusammenhang besteht, Wirkungsrichtungen sind aber komplex und Kausalschlüsse können nur mit großer Vorsicht gezogen werden. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass es nicht ausschließlich personenspezifische Merkmale (die psychiatrische Störung, das Ausgangsdelikt etc.) der Angeklagten sind, die Einweisungen in die forensische Psychiatrie prädizieren. Schließlich könnten für die Erklärung des o.g. Sachverhalts neben den genannten Faktoren auch noch spezifische Eigenheiten der einweisenden Gerichte selbst, d.h. der dortigen Entscheidungsträger, in Frage kommen. Dieses Projekt arbeitet das skizzierte Problemfeld auf.
 
 
Am 06.05.2008 wurde auf einer Fachkonferenz unter Supervision von Professor Dr. Volker Dittmann (Psychiatrische Universitätsklinik Basel), den beteiligten Chefärzten bzw. deren Vertretern sowie der Projektleitung und des Projektmanagements eine Itemliste verabschiedet, die in dieser Form 2009 umgesetzt wird. Die Forensische Basisdokumentation Baden-Württemberg (FoDoBa) enthält 35 Kernbereiche oder Items, die in weitere Kategorien mit Wertelisten aufgefächert werden. Insgesamt sind rund 140 Eintragungen zu machen. Die FoDoBa wurde in allen beteiligten Einrichtungen elektronisch implementiert. Im Sommer 2011 sind vier Vollerhebungen der FoDoBa abgeschlossen. Eine Auswertung über einige wesentliche Variablen und Variablengruppen auf Basis der bisherigen Stichtagserhebungen liegt vor, wurde anlässlich der gemeinsamen Tagung von Justiz- und Maßregelvollzug in Baden-Württemberg (Reichenau, 27. bis 29. Januar 2011) vorgestellt. Ferner liegen Daten zu einer abschließenden Beantwortung der Frage vor, die richtungsweisend für die Auswahl der Items für die FoDoBa waren. Mittlerweile kann wissenschaftlich fundiert begründet werden, dass nicht etwa personenbezogene Unterschiede für ungleiche Belegungszahlen und –zeiten zwischen den MRV-Einrichtungen in Baden-Württemberg verantwortlich sind, sondern die Einweisungspraxis einzelner Gerichte, die eine hohe Zahl von psychisch kranken Rechtsbrechern abzuurteilen haben.
 
Im Jahr 2011 werden die inhaltlichen Auswertungen zu den folgenden Fragen weiter vorangetrieben:
 
  • Unterbringungsdauer und individuumsbezogene Daten
    • Die Unterschiede zwischen den baden-württembergischen Maßregelvollzugseinrichtungen hängen in Bezug auf die Unterbringungsdauer ihrer Patienten nicht von individuumsbezogenen Daten. Wie entwickelt sich die Sachlage in Kenntnis der vorliegenden Ergebnisse weiter? Lassen sich die vorliegenden Ergebnisse replizieren?
  • Unterbringungsdauer (§ 63 StGB)
    • Gibt es einen Zusammenhang zwischen personenbezogene Variablen und Unterbringungsdauer?
  • Behandlungsabbrüche (§ 64 StGB)
    • Gibt es einen Zusammenhang zwischen personenbezogener Variablen und Behandlungsabbrüchen?
  • Migration und Legalprognose
    • Unterscheiden sich nach Diagnose und Delikt parallelisierte Patienten mit und ohne Migrationshintergrund in Bezug auf ihre Legalprognose?
  • Besondere Vorkommnisse auf Station
    • Wie sind die Zusammenhänge zwischen Vorkommnissen bei Patienten und ihren Entlasschancen? Gibt es Vorkommnisse, die nicht per se zu Entlasshindernissen werden bzw. zu negativen Prognoseein-schätzungen der behandelnden Teams führen?
Die Bearbeitung dieser Fragen geschieht in enger Zusammenarbeit mit den Kollegen aus Wiesloch (Dipl.-Psych. Nelly Dias, Dipl.-Psych. Cordula Kathöfer) und Weissenau (Dipl-Psych. Hans Joachim Traub).
 


Teil II Gruppenpsychotherapieprozessforschung
 
Die Wirksamkeit von Gruppenpsychotherapie im ambulanten und stationären Setting und die damit verbundenen Wirkmechanismen sind im Allgemeinen gut belegt, nicht aber für Gruppenpsychotherapien im forensisch-psychiatrischen Umfeld. Erfolgreiche Behandlungsverläufe sind zwar klinisch evident, für das letztgenannte Handlungsfeld liegen international und damit auch im deutschsprachigen Raum aber vergleichsweise wenige empirisch fundierte Befunde vor. Man weiß noch nicht einmal genau, ob die im Rahmen der allgemeinen Gruppenpsychotherapieforschung zur Anwendung kommenden Methoden bei der Arbeit mit Maßregelvollzugspatienten überhaupt praktikabel und entsprechende wissenschaftliche Designs sinnvoll umsetzbar sind. Forensisch ausgebildete klinische Mitarbeiter sehen dringenden Forschungsbedarf in diesem Bereich und würden mittelfristig die Erarbeitung wissenschaftlich gestützter und verbindlicher Handlungsleitlinien für die Behandlung der psychotherapeutisch häufig nicht leicht erreichbaren forensischen Klientel begrüßen. Aus diesem Mangel, der auch aufgrund der zweifelsohne zentralen gesellschaftspolitischen Bedeutung nach ersten Schritten einer Behebung drängt, gehen folgende Fragestellungen und Ziele für das hier durchzuführende Projekt hervor.

 

Die Fragestellungen sind aufgrund der fehlenden wissenschaftlichen Datenbasis aus Vorstudien, ohne die keine spezifischen Ausgangshypothesen gebildet werden können, recht allgemein gehalten.

 
1)  Welche therapeutischen Wirkfaktoren in der Gruppentherapie mit allgemein psychiatrischen Patienten lassen sich in Gruppentherapien mit forensisch-psychiatrischen Patienten abbilden?
2) Sind übliche Forschungsansätze praktikabel?
3) Wie ist das Spektrum der Erfassung und welche Besonderheiten sind zu beachten?
4) Wo sind Interventionsschwerpunkte zu setzen?
 
Ausgehend von der Annahme, dass forensisch-psychiatrische Gruppen in anderen Patientengruppen ähnlicher Art und Weise beforscht werden können, hat die Studie folgende Ziele:
1)  Abbildung und Beschreibung gruppentherapeutischer Prozesse von forensisch- psychiatrischen Patienten.
2) Untersuchung des Zusammenhangs zwischen gruppentherapeutischen Prozessvariablen und einer Reihe von Outcomekriterien (Therapieerfolg, prognostischer Einschätzung, Suchtentwicklung).
Die Untersuchung hat den Charakter einer explorativen Pilotstudie. Untersucht wird eine Gruppe von durchschnittlich acht Patienten im Zentrum für Psychiatrie Reichenau, für die das Gericht die Unterbringung in einer Erziehungsanstalt nach § 64 StGB angeordnet hat. Es handelt sich um eine sogenannte halb-offene Gruppe, d.h. die Gruppe ist insofern variabel besetzt, als Eintritte und Austritte von Mitgliedern während der laufenden Therapie bedingt durch Entlassungen und Aufnahmen vorkamen. Die Gruppe wurde von zwei Therapeuten geleitet und traf sich durchschnittlich viermal pro Woche und 50 Wochen im Jahr. Die Anzahl der untersuchten Sitzungen beträgt also 200 Sitzungen.

 

Davon wurden bislang 89 Sitzungen mit der Kieler Gruppenpsychotherapie-Prozess-Skala (KGPPS), einem Instrument zur Fremdeinschätzug von Gruppenpsychotherapiesitzungen mit erwachsenen Teilnehmern, eingeschätzt. Zur Bestimmung der Inter-Rater-Reliabilität, die eine notwendige Bedingung für die Validität von Therapiestudien dieser Art darstellt, wurden 16 Stunden von zwei Mitgliedern der Arbeitsgruppe bewertet. Im Zuge der Auswertung der Gruppentherapiesitzungen mit der KGPPS ist es gelungen, die allgemeinen Wirkfaktoren der Gruppenpsychotherapie nach Yalom in einer Gruppentherapie mit forensisch-psychiatrischen Patienten abzubilden. Das heißt, dass die  Fortschreibung solcher Forschungsansätze mit hoher Wahrscheinlichkeit für die Forschung und Praxis forensischer Psychotherapie im Maßregelvollzug gewinnbringend bleiben wird. Neben der KGPPS wurden im Rahmen der Projektarbeit 242 Fragebogen zur hilfreichen Beziehungsgestaltung (Helping Alliance Questionnaire, HAQ) und 737 visuelle Analogskalen, anhand derer wichtige Verlaufsparameter wie Therapiemotivation und Erfolgserwartung gemessen werden können, ausgewertet.

Zeitgleich mit dem Beginn der Videoaufzeichnungen wurden von den Therapeuten Einschätzungen mittels der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD), dem BEST-Index und anderen, im Untersuchungsplan detailliert aufgeführten Instrumenten durchgeführt.
 
Das Datenmaterial, das in der Studie erzeugt wird, ist sehr umfangreich und wissenschaftlich reichhaltig. Im Zuge einer gewünschten breiten Ausschöpfung des Datensatzes wurde die Arbeitsgruppe nochmals erweitert. Dr. María Isabel Fontao hat in enger Zusammenarbeit mit Kollegen an der Universität Ulm (Ehemalige Sektion Informatik in der Psychotherapie) weitere Forschungsschwerpunkte entwickelt. Dabei geht es um die Fortsetzung eines in der Sektion Forensische Psychotherapie der Universität Ulm ursprünglich angelegten Forschungsschwerpunktes, nämlich die Untersuchung psychotherapeutischer Verläufe forensisch-psychiatrischer Patienten mittels computergestützter Textanalyse. Dabei werden die Faktoren Emotionsaktivierung, Prozesse des Reflektierens und die Generierung von Narrativen durch Textmarker automatisch erfasst und gemessen. Dadurch werden Schlüsselmomente im Therapieprozess, die mit psychischer Veränderung zusammenhängen, identifiziert. Durch die Anwendung weiterer Methoden können dann am klinischen Material veränderungsbegünstigende Prozessfaktoren, die mit dem Auftauchen von Schlüsselmomenten einhergehen, bestimmt werden. Die hier angewandte Methode der Emotions-Abstraktions-Muster von Professor Erhard Mergenthaler und die Software zur computergestützten Textanalyse CM genießen seit Jahren allgemeine Annerkennung in der nationalen sowie internationalen Psychotherapieforschungsszene.
 
Im Sinne des multimethoden-multiebenen Forschungsansatzes, der für Einzelfallstudien die Methode der Wahl ist, werden darüber hinaus derzeit weitere Untersuchungsverfahren am Datenmaterial erprobt. Frau Fontao knüpfte Kontakt mit forschenden Kollegen am Zentrum für Klinische Forschung der Universität Zürich, am Center for Psychotherapy Research der University of Pennsylvania und mit der Psychotherapy Research Group der York University. So war es möglich, die Erlaubnis und die notwendigen Unterlagen zur Anwendung international anerkannter Methoden der Psychotherapieforschung (im Einzelnen: die California Psychotherapy Alliance Scales – Group Version [CALPAS-G] zur Erfassung verschiedener Aspekte der therapeutischen Zusammenarbeit in Gruppen; The Multitheoretical List of Therapeutic Interventions [MULTI] zur sachgerechten Erfassung von therapeutischen Interventionen; und das Narrative Process Coding System [NPCS] zur Identifizierung von Narrativen in Therapieprotokollen) für die Anwendung im Zentrum für Psychiatrie Reichenau zu erlangen. Die Anwendung der oben genannten standardisierten Verfahren dient der Beantwortung bereits formulierter präziser Fragestellungen über Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ebenen des Gruppentherapieprozesses (die Gruppe als Ganzes, einzelne Teilnehmer, Gruppenleitung) und trägt so zur Integration wissenschaftlicher Befunde in die klinische Praxis im Maßregelvollzug bei.
 
Die schon seit Jahren bestehende Kooperation mit dem Lehrstuhl für Klinische Psychologie der Universität Konstanz (Prof. Brigitte Rockstroh) wurde ausgebaut, so dass demnächst mit einer weiteren Verstärkung der Arbeitsgruppe mit Personen, die Aufgaben von studentischen wissenschaftlichen Hilfskräften übernehmen sollen, zu rechnen ist. Frau Dipl.-Psych. Frauke Kilvinger, die von der Reichenauer Arbeitsgruppe betreut wurde, hat im Dezember 2009 ihre Diplomarbeit über aussagepsychologische Aspekte der forensischen Gruppenpsychotherapie, die auf dem o.g. Datensatz beruht, an der Universität Konstanz erfolgreich abgeschlossen. Drei weitere Diplomandinnen und Diplomanden (Frau Madeleine Bieg, Frau Carmen Heinrich und Herr Jan Querengässer) haben für ihre Diplomarbeiten Teilfragen, die die Arbeitsgruppe an das vorhandene Datenmaterial gestellt hatte, bearbeitet und beantwortet. Die Anleitung dieser Arbeiten und die inhaltliche Ausgestaltung des gesamten Arbeitsschwerpunktes Gruppenpsychotherapieforschung wurde und wird ganz wesentlich von Frau Fontao geleistet, die 2010 von einer renommierten Forschungseinrichtung in Spanien einen Forschungspreis für Ihre wissenschaftlichen Arbeiten erhalten hat. Sie hat unsere Arbeit 2011 unter anderem auf der Tagung der Society for Psychotherapy Research (SPR) in Bern vorgestellt
 
 

Des weiteren wird in der Abteilung Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des ZPR der BEST-Index (Behavioural Status Index) als für den Pflegebereich verbindliches Erhebungsinstrument lebenspraktischer Fertigkeiten von Patienten eingeführt. Der BEST-Index eignet sich zur vertieften Informationsgewinnung über Verhaltensressourcen und Verhaltensdefizite der Patienten und dient der fortlaufenden Therapieplanung und - evaluation. Im Rahmen der Prozessoptimierung für den Arbeitsbereich Pflege wurde eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich im Rahmen eines bundesweit innovativen Pilotprojekts mit der Einführung spezifischer forensischer Pflegediagnosen beschäftigt und dabei die Vorgaben des BEST-Index in besonderer Weise berücksichtigt. Diese Entwicklung ist in Deutschland einzigartig und wird aus Sicht der Projektleitung und –koordination anhaltende Wirkung zeigen.

 

 

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