Geschichte
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Das Zentrum für Psychiatrie Reichenau wurde 1913 als Badische Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz gegründet. War die Klinik baulich deutlich sparsamer ausgestattet als die Anstalten in Illenau (bei Achern) und Wiesloch (bei Heidelberg), so profitierte sie bis 1933 auf der anderen Seite von Anstaltsdirektoren, die eine sehr fortschrittliche Kombination aus Psychotherapie und Sozialpsychiatrie vertraten.
Hierbei war die Nähe zu den bedeutenden Psychiatern Eugen Bleuler und Hans Wolfgang Maier in Zürich wie zu dem Psychoanalytiker, Philosophen und Psychiater Ludwig Binswanger in Kreuzlingen für alle Seiten sehr befruchtend, man traf sich regelmäßig im Rahmen einer wissenschaftlichen Vortragsgesellschaft.
Durch den Reichenauer Assistenzarzt Alfred Schwenninger lernte Binswanger die phänomenologischen Philosophen Edmund Husserl und Alexander Pfänder hier persönlich kennen. Der von 1924 bis 1933 amtierende Direktor Maximilian Thumm führte die Kombination aus aktiver Therapie sprich Arbeitstherapie, Frühentlassung und ambulanter Nachsorge ein, worüber er in der Fachpresse ausführlich publizierte. Im heutigen Haus 10 richtete er eine Behandlungsstation für alkoholkranke Männer ein, eine der ersten derartigen Einrichtungen in einer psychiatrischen Klinik in Mitteleuropa.
1933 wurde Thumm aus politischen Gründen seines Amtes enthoben. Das von Thumm etablierte System diente nunmehr der Kontrolle sowie der Eugenik als therapeutischen Zielsetzungen, schließlich wurde die Klinik 1941 geschlossen, 508 PatientInnen wurden im Rahmen des "Euthanasie"-Programms vergast.
Nach der Wiedereröffnung 1949 wurde das fachliche Niveau der Weimarer Zeit lange Zeit nicht erreicht. Wie in anderen Kliniken dominierten Schlafkuren, überfüllte Wachsäle und häufig schlecht qualifiziertes Personal den Alltag. Dies änderte sich in den späten sechziger Jahren, als unter der Leitung von Professor Siedow und Dr. Faulstich deutliche bauliche Verbesserungen, aber auch deutliche qualitative Verbesserungen der Menpower eingeleitet wurden. Wie in der Weimarer Zeit wurde man in der Sozialpsychiatrie aktiv, der früher fruchtbare Kontakt zur Schweiz, speziell zu Zürich und Kreuzlingen, blieb aber ziemlich stumm. Dafür konnte die psychologische Abteilung der Universität Konstanz eine Spezialstation, zunächst für suchtkranke Frauen, später (bis heute) für schizophrene Frauen und Männer einrichten und betreiben.
Parallel dazu entwickelte sich die Psychiatrie in Deutschland im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern nur sehr langsam.
Durch die Annäherung der Nachbarstaaten (Europäische Gemeinschaft) wurde die Bundesrepublik gezwungen, in kurzer Zeit diese Rückstände aufzuholen.
In Folge dessen wurde 1975 eine Bestandsaufnahme der deutschen Psychiatrie durch den Bundestag veranlaßt (Psychiatrieenquete). Diese fiel sehr schlecht aus, so daß Sofortmaßnahmen eingeleitet wurden. Vor allem die räumliche Unterbringung, die personelle Betreuung und das gesamtpsychiatrische Konzept wurden verbessert und erneuert.
So wurden im Rahmen der Sofortmaßnahmen:
- Ergänzungsbauten für die sofortige Verbesserung der räumlichen Unterbringung erstellt;
- ein Gesetz zur Personalbedarfsermittlung im Psychiatrischen Krankenhaus (Psych-PV) erlassen, welches die Verbesserung der konkreten Arbeit am Patienten zum Maßstab hat;
- in die Gesamtkonzeption der psychiatrischen Versorgung wurde die ambulante und teilstationäre Behandlung als ein zusätzlicher Schwerpunkt integriert;
- die Vernetzung der psychiatrischen Einrichtungen wurde initiiert, vor dem Hintergrund, daß die bis dahin favorisierte "zentrale Versorgung" psychisch Kranker (Versorgung in Großkrankenhäusern) zu Gunsten einer "gemeindenahen" dezentralen Versorgung geändert werden sollte.
In den siebziger und achtziger Jahren folgten die Gründung spezialisierter Stationen mit überregionalem Ruf (Depressionsstation, Psychotherapiestation, Weiterbehandlungsstation für Schizophrene), in den neunziger Jahren wurden die allgemeinpsychiatrischen Aufnahmestationen grundlegend reformiert (Geschlechter-Durchmischung, Regionalisierung, Einführung psychotherapeutischer Elemente, Öffnung von Stationen). Der vor allem durch den Sozialdienst geschaffene Kontakt mit den ambulanten Diensten wurde intensiviert, der Kontakt mit den Niedergelassenen Ärzten durch jährliche Treffen etabliert. Über Landesregelungen wurden in Baden-Württemberg Sozialpsychiatrische Dienste eingerichtet, die ambulante und vor- oder nachstationäre Versorgung für psychiatrische Kranke gemeinsam mit den niedergelassenen Therapeuten gewährleisten sollen.
Zum 01. Januar 1996 wurde gemäß dem Gesetz zur Errichtung der Zentren für Psychiatrie (EZPsychG) das Psychiatrische Landeskrankenhaus Reichenau vom Landesbetrieb gemäß § 26 Landeshaushaltsordnung (LHO) in eine rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts, dem Zentrum für Psychiatrie Reichenau, zunächst kurz ZPR, heute ZfP, umgewandelt. Als Organe definiert das EZPsychG den Aufsichtsrat und den Geschäftsführer. Die Aufgaben dieser Organe und des Zentrums sind in einer vom Aufsichtsrat erlassenen und vom Sozialministerium Baden-Württemberg fachaufsichtlich genehmigten Satzung geregelt.
Dem ordnungspolitischen Paradigma einer gemeindenahen psychiatrischen Versorgung folgend vollzieht sich bei den sieben Zentren für Psychiatrie in Baden-Württemberg (Reichenau, Emmendingen, Calw, Wiesloch, Weinsberg, Winnenden, ZfP Südwürttemberg, ehemals Weissenau, Schussenried, Zwiefalten) derzeit eine Peripherisierung des Versorgungsangebotes, bezogen auf das jeweilige Versorgungsgebiet dieser Plankrankenhäuser. Diese findet statt durch die Gründung von Tageskliniken, die Auslagerung von Stationen an somatische Krankenhäuser und den Ausbau von Konsil- und Liaison-Diensten. Zugleich verlangt sie aber auch eine Restrukturierung der Zentren im Sinne einer Senkung der Fixkosten, der produktionselastischen Anpassung der Vorhalteleistung und der städtebaulich orientierten Umnutzung nicht mehr benötigter Liegenschaften.
Seit dem Jahr 2000 ist das ZfP "Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Konstanz".
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